
Die Bundesregierung bereitet ein weitreichendes Reformpaket für das Gesundheitswesen vor, um ein erwartetes Milliardendefizit der gesetzlichen Krankenkassen zu begrenzen. Eine von Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eingesetzte Expertenkommission hat dazu 66 Maßnahmen vorgeschlagen, die die Kassen bis 2027 um bis zu 42 Milliarden Euro entlasten könnten. Hintergrund ist ein prognostiziertes Minus von rund 15 Milliarden Euro bis 2027, das nach Berechnungen von Fachleuten bis zum Ende des Jahrzehnts auf mehr als 40 Milliarden Euro anwachsen könnte. Ziel der schwarz-roten Koalition ist es, Beitragserhöhungen zu vermeiden und sicherzustellen, dass die Ausgaben nicht schneller steigen als die Einnahmen.
Die Vorschläge lösen heftige Reaktionen aus. Ärztevertreter, die Pharmabranche und Patientenorganisationen kritisieren die Sparpläne teils scharf. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung warnt vor dem Wegfall von Millionen Terminen, sollte es zu stärkeren Bremsen bei der Vergütung kommen. Praxen hätten dann keine andere Wahl, als Leistungen und Terminvergaben an die knapperen finanziellen Spielräume anzupassen. Auch Patientenvertreter sehen die Gefahr, dass der Zugang zu bestimmten Leistungen eingeschränkt werden könnte, während die Kassen ihrerseits auf den wachsenden Kostendruck verweisen.
Ein wesentlicher Teil der Empfehlungen der Kommission setzt an den Konsumsteuern und der Prävention an. Vorgesehen sind deutlich spürbare Preisaufschläge auf Zigaretten und Spirituosen sowie eine Zuckersteuer von 32 Cent auf Getränke mit mehr als 8 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. Vertreter der Kommission verweisen auf Erfahrungen aus anderen Ländern: In Großbritannien etwa sei der Zuckergehalt von Softdrinks wie Fanta deutlich gesunken, was sie als Effekt regulativer Eingriffe werten. Aus medizinischer Sicht verbindet man damit die Erwartung, Diabeteserkrankungen und andere Folgeerkrankungen zu verringern und so langfristig Mittel im System freizusetzen.
Politisch drängt die Zeit. Warken kündigte an, bis Juli einen Gesetzentwurf ins Kabinett zu bringen. SPD-Gesundheitspolitiker Christos Pantazis nannte gegenüber dem „Spiegel“ als Ziel, möglichst zügig tragfähige und konsensfähige Lösungen zu erreichen – im Idealfall mit einem Beschluss des Bundestags in der letzten Sitzungswoche im Juli. Die Ministerin stellte im ZDF zugleich klar, sie habe Einwände aus allen Richtungen erwartet, betonte aber, es könne nicht funktionieren, „dass jeder jetzt nur ausschließt, was nicht gehen soll“. Stattdessen müssten, so Warken, „alle Bereiche mit ins Boot“ genommen werden, wenn die Beitragssätze stabil bleiben sollen.

Der deutsche Aktienmarkt hat am Dienstag seine Vortageserholung fortgesetzt, wenn auch mit gebremstem Tempo. Der Dax legte zuletzt um 0,7 Prozent auf 22.728 Punkte zu. Damit deutet sich für den Leitindex trotz der freundlichen Tendenz zum Monatsende weiterhin ein Rückgang im März von rund zehn Prozent an. Der X-Dax hatte zum Handelsstart ein Plus von rund 0,4 Prozent auf etwa 22.650 Zähler signalisiert. Der MDax der mittelgroßen Werte rückte am späten Vormittag um 1,0 Prozent auf 28.067 Punkte vor, der Eurozonen-Leitindex EuroStoxx 50 gewann 0,6 Prozent.
Im Hintergrund bleibt die angespannte Lage im Nahen Osten der zentrale Belastungsfaktor. Der Iran setzte rund einen Monat nach Beginn der amerikanisch-israelischen Angriffe den Beschuss benachbarter Golfstaaten mit ballistischen Raketen und Drohnen fort. Vor der Küste Dubais wurde ein kuwaitischer Öltanker getroffen; zudem meldeten Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain und die Vereinigten Arabischen Emirate erneute Angriffe in der Nacht. Die Ölpreise verharren vor diesem Hintergrund auf hohem Niveau: Ein Fass der Nordseesorte Brent zur Lieferung im Juni kostete zuletzt gut 107 bis knapp 108 US-Dollar und damit ähnlich viel wie am Vortag.
Der Ölpreisschub schlägt zunehmend auf die Inflation im Euroraum durch und rückt die Geldpolitik in den Mittelpunkt der Marktdiskussion. Die Verbraucherpreise in der Eurozone zogen im März im Jahresvergleich um 2,5 Prozent an, nach 1,9 Prozent im Februar. Volkswirte hatten im Schnitt 2,6 Prozent erwartet. Der Anlagestratege Ulrich Stephan von der Deutschen Bank rechnet damit, dass die anziehenden Öl- und Gaspreise die Debatte um weitere Zinsschritte verschärfen: An den Märkten sind bis zum Jahresende rund drei Zinserhöhungen im Euroraum eingepreist.
Auf Einzeltitelebene sorgten vor allem Werte aus dem MDax für Bewegung. Die Aktien von Redcare Pharmacy setzten ihre bereits am Vortag dynamisch gestartete Erholung fort und führten den Index zeitweise klar an. Die Papiere stiegen um weitere 8,1 Prozent. Das Bankhaus Metzler führte das Interesse der Anleger vor allem auf Reformvorschläge für das deutsche Krankenkassensystem zurück, die aus Sicht des Markts das Geschäftsmodell der Online-Apotheke stützen könnten. Dagegen gerieten die Anteilsscheine der Norma Group nach einem vorsichtigen Ausblick des Verbindungstechnikherstellers und Autozulieferers unter Druck. Der Konzern stellt für das laufende Jahr lediglich ein Umsatzplus von bis zu 2 Prozent in Aussicht, im negativen Szenario wäre auch Stagnation möglich. Zudem soll die Dividende von 40 auf 14 Cent je Aktie sinken. Nach zuletzt deutlichen Kursgewinnen von fast 14 Prozent binnen fünf Handelstagen gaben die Papiere moderat nach.